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POOR COW – GEKÜSST UND GESCHLAGEN

Großbritannien 1967, farbe, 101Min.
Originaltitel: Poor Cow
Regie: Kenneth Loach
Buch: Nell Dunn, Kenneth Loach
Kamera: Brian Probyn
Besetzung: Carol White, John Bindon, Terence Stamp

SwapperbildSwapperbildThumbnailJoy (Carol White) ist mit dem Kleinganoven Tom (John Bindon) verheiratet. Sie haben ein Baby und Toms Gaunereien garantieren ihnen das Leben in einem Londoner Vorort. Bei einem Banküberfall wird Tom verhaftet, und sein Freund Dave (Terence Stamp) leistet Joy Gesellschaft. Sie entschließt sich ihn zu küssen, und sie verbringen glückliche Tage, bis auch Dave nach dem Überfall auf eine Rentnerin ins Gefängnis kommt.
Nun muss Joy für sich selbst sorgen, sie beginnt zu arbeiten, als Bardame und als Fotomodel, und lässt sich regelmäßig mit Männern ein. Zwar fasst sie den Entschluss sich von Tom scheiden zu lassen, doch als dieser freikommt ziehen sie doch wieder zusammen, während Joy darauf wartet, dass Dave endlich zu ihr zurück kann.

DER FILM

Ken Loachs früher Film hat sicherlich dadurch an Bekanntheit gewonnen, dass Steven Soderbergh die Rückblenden in seinem verschachtelten Rachethriller „The Limey“ aus Szenen aus „Poor Cow“ montiert hat. Doch wie schon die Inhaltsangabe angedeutet hat, ist nicht Terence Stamp der Hauptdarsteller des Films, sondern Carol White, deren Joy in einem Spannungsfeld zwischen Liebe und Ausbeutung feststeckt.

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Auf der einen Seite, und das sagt Joy größtenteils während der letzten 20 Minuten des Films, ist ihr es das Wichtigste, geliebt zu werden und zu lieben. Andererseits, und das sehen wir über den gesamten verlauf des Films, neigt Joy dazu, an sie schlagende, oder lediglich als Lustobjekt betrachtende Männer zu geraten. Symptomatisch dafür ist die Beziehung zu Tom, die in die Geschichte einführt und das Abhängigkeitsverhältnis um eine weitere, materielle Ebene erweitert. Joy ist auf Toms Gaunereien und das daraus erwirtschaftete Geld genau so angewiesen, wie auf seine Liebe, die oft eher in einer Form von Kameraderie als in Leidenschaft oder Intimität zum Ausdruck kommt. Tom wiederum genießt es, an Joy seine Macht unter Beweis zu stellen, indem er sie zum Beispiel dazu zwingt, die Lautstärke des Fernsehers zu regeln, weil sie doch stünde, während er sitzt. In dieser frühen Szene wird auch deutlich gemacht, dass Joy nicht etwa Opfer eines Mannes geworden ist, sondern sehr wohl in der Lage ist, sich der Unterdrückung entgegen zu setzen. Sie sieht aber über diese extremen Differenzen hinweg, um weiterhin von den positiven Seiten der Beziehung zu profitieren. Was sie aber nicht daran hindert, die Verhaftung Toms wenig gerührt aufzunehmen und später die Scheidung einzureichen, als ein besserer Mann zur Verfügung steht.
Während ihre Beziehung zu Dave die einzige unter gleichberechtigten Partnern zu sein scheint, basieren alle Liebschaften Joys während Daves Inhaftierung, wie schon die Beziehung zu Tom, auf Opportunismus. Joy kann somit als frühe, feministische Figur gelesen werden. Ihres guten Aussehens voll bewusst nutzt sie dieses, um sich von den Männern immer das zu holen, was sie braucht. Die scheinbar uneingeschränkte Auswahl an Männern, die dieser Frau zur Verfügung steht, findet in dem Satz „I need different men for my different moods“ ihren Ausdruck und bestätigt sich durch die vielen, unterschiedlichen Männer mit denen sie sich über die Abwesenheit von Dave hinwegtröstet.

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Joys Sexualität wird auch auf visueller Ebene dichotom dargestellt. Während sie sich bei ihren Affären und bei den Fotoaufnahmen sehr freizügig gibt, aber nie Formen körperlicher Liebe (vielleicht mit Ausnahme von Küssen) gezeigt werden, findet die einzige Sexszene zwischen ihr und Dave statt. Allerdings, womit die besondere Stellung dieser Beziehung noch unterstrichen wird, komplett verdeckt von einer grauen Wolldecke, unter die das Paar sich verkrochen hat. Die Ausbeutung des weiblichen Körpers und eine gleichzeitig vollkommen selbstbestimmte Sexualität werden so auch auf der Darstellungsebene des Films thematisiert. Diese Ebene ist aber auch von ihrem eigenen Spannungsfeld, dem zwischen Stilisierung und Dokumentation, geprägt.
Vor allem in der ersten Hälfte wird der Film mehrmals durch das Einblenden von Zitaten aus Nell Dunns Buchvorlage unterbrochen und so schon fast episodisch strukturiert. Zu dieser offensichtlichen Stilisierung gesellt sich ein besonderer Einsatz von Musik. Sie hat zwar on location Quellen, wie Radios oder den singenden Terence Stamp, wird aber während der Dialoge, ganz wie konventionelle off Musik, ein- und ausgeblendet. Auf der Tonebene ist mit Joys off Kommentar eine weitere stilistische Besonderheit zu hören. Der Kommentar ist auf wenige Passagen beschränkt und scheint durch nichts motiviert, bis sich in der letzten Szene herausstellt, dass Joy interviewt wird und ihre Antworten den off Kommentar des Films gebildet haben. Mit dieser letzten Szene wird das sonst einer stärkeren Stilisierung dienende Mittel des off Kommentars umgedeutet in ein dokumentarisches Element, das sich an die anderen Momente abgefilmter Realität anschließt.

Ken Loach, bekanntermaßen thematisch immer der Arbeiterklasse verschrieben, hat diesen Film mit dokumentarischen, die Tradition des „Free Cinema“ fortführenden Beobachtungen durchsetzt. Die Hinterhöfe, in denen die ausgebooteten der Gesellschaft leben, und die Bars, in denen sie ihre Freizeit verbringen, sind das Sujet, dass mit seiner ungeschönten Direktheit das Gegengewicht zu den Elementen der Stilisierung bildet. Somit entsteht ein nicht nur auf der erzählerischen, sondern auch auf der inszenatorischen Ebene abwechslungsreicher, mit Spannung aufgeladener Film, der zwar nicht jederzeit leicht zugänglich ist, aber sein Thema gekonnt und respektvoll präsentiert.

DIE DVD

2005 hat „Cent Entertainment“ den Film mit der alten FSK Freigabe „Ab 18“ hier in Deutschland veröffentlicht. Doch schon im Jahre 2001 ist in Großbritannien eine DVD des Films bei „Momentum“ erschienen. Damals war wohl auch die Kinowelt AG an der DVD beteiligt und hielt auch die Veröffentlichungsrechte für Deutschland inne. Leider sind die Rechte mittlerweile verflossen und die Kinowelt plant auch nicht, so zumindest die Stellungnahme auf Anfrage von Transonion, diese in nächster Zeit wieder zu erwerben.

Momentum Pictures

Bild im Text

DVD5, Region 2, PAL

Veröffentlichung: 25.06.01

Freigabe: BBFC 15

Laufzeit: 97:09 Min.

Bildformat: 1,66:1 (4:3)

Tonformat: Englisch (DD2.0 Mono)

Untertitel: keine

Verpackung: Keep Case (Amaray)

Cent Entertainment

Bild im Text

DVD5, Region 2, PAL

Veröffentlichung: 25.08.05

Freigabe: FSK 18

Laufzeit: 97:34 Min.

Bildformat: 1,33:1 (4:3)

Tonformat: Deutsch (DD2.0 Mono)

Untertitel: keine

Verpackung: Keep Case (Amaray)

Bild

Schon die Screenshots in den Bildvergleichen zeigen, wie viel schlechter die Bildqualität der deutschen DVD ist. Das Bild der deutschen DVD ist unschärfer, heller und rotstichiger als das der britischen DVD. Die wohl unangenehmste Eigenschaft sind allerdings die permanenten Doppelbilder der deutschen DVD, wie sie dieser Screenshot eines Schnitts besonders prominent zeigt. Immerhin wurde für die Präsentation in 1,33 nicht das Pan-and-Scan Verfahren benutzt, sondern einfach der Kasch entfernt, so dass keine Bildinformation verloren geht, sondern sogar mehr als auf der britischen DVD enthalten ist.
Das Bild der Momentum DVD hingegen wirkt recht natürlich und farblich ausgewogen, allerdings auch sehr hart und körnig. Grund dafür ist wahrscheinlich, dass als Ausgangsmaterial eine Kinokopie diente. Es scheint auch die einzige erhaltene Kopie des Films zu sein, denn die Fehler auf der deutschen DVD beweisen, dass auch das Master der Deutschen Veröffentlichung auf der selben Kinokopie beruhte, wie das der Britischen DVD.
Ich persönlich habe überhaupt keine Probleme mit leicht angekratzten DVD-Mastern, und bin überzeugt, dass der etwas ramponierte Zustand des Bildes, angesichts eines Filmes der es nie auf Perfektion anlegt, auch niemandem störend auffallen wird.

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Ton

Im Gegensatz zur britischen DVD bietet die deutsche DVD eine deutlich lautere Tonspur. Allerdings ist diese von einem permanenten Rauschen durchzogen und hat einen deutlich geringeren Frequenzumfang. Die Brillanz des Klangs geht vollkommen verloren, da die Tonspur künstlich bei 12,5 kHz abgeschnitten ist. Der Ton der Momentum DVD bietet zwar den kompletten Frequenzumfang, allerdings führt das dazu, dass zum Beispiel die S-Laute der Schauspieler oft unangenehm zischen.
Ohnehin ist die Verständlichkeit des Originaltons recht schlecht, da der Ton immer „on location“ aufgenommen worden ist und deswegen oft von Nebengeräuschen verschluckt wird. Dazu kommt, dass das Englisch der Schauspieler kein klares Bühnenenglisch ist, sondern von den üblichen Unzulänglichkeiten der Alltagssprache geprägt ist. Hier liegt dann eine weitere Krux der deutschen DVD, denn auch wenn die Synchronisation deutlich besser zu verstehen ist, die Natürlichkeit des Originaltons, der einen großen Teil der dokumentarischen Ästhetik des Films ausmacht, geht so vollständig verloren.

Extras

Während die Momentum DVD keinerlei Extras bietet und auch keine verspricht, sind selbst die dürftigen Bonusmaterialien der Cent DVD eine absurde Mogelpackung. Hinter „Fotos“ verstecken sich Standbilder aus der DVD selbst, während „Trailer“ lediglich den zu „Die Frau des Sizilianers“ meint.

DAS FAZIT

Auch wenn die britische DVD lediglich mittelmäßig ist und Untertitel sicherlich zum Verständnis der Dialoge im Ausland beigetragen hätten und eine hervorragende Dienstleistung für Hörgeschädigte gewesen wären, ist sie doch eine klare Empfehlung. Die Veröffentlichung von Cent Entertainment ist auf ganzer Linie ein Trauerspiel und nur dadurch gerechtfertigt, dass sie die deutsche Synchronisation des Films konserviert.
Sowohl Freunde des Filmschaffens von Ken Loach als auch Liebhaber ungeschönter Blicke auf die Arbeiterwelt und der Frauenschicksale darin sollten bei der Momentum DVD bedenkenlos zugreifen.

Die deutsche DVD ist zum Beispiel bei BOL erhältlich.

Die britische DVD ist bei play.com am günstigsten.

Am 06.04.2007 von Daniel Artur Schindler verfasst.