DIE SCIENCE-FICTION FILME PIOTR SZULKINS
Von unfreiwilligen Helden und der Hure als Erlöserin
Die Proteste der Arbeiter im polnischen Radom im Jahre 1976 sind als einer der Grundsteine zu betrachten, die den Weg zu den späteren Aufständen in Danzig ebneten. Die Medien jedoch reagierten schneller als die polnische Öffentlichkeit, sodass schon im selben Jahr, ausgehend von Fernsehfilmen, ein neues politisches und gesellschaftlich relevantes Bewusstsein in die Filmproduktion Einzug hielt und eine Kinobewegung begründete, die als „Kino der moralischen Unzufriedenheit“ bezeichnet wird. Dominierendes Thema war die Not unter der sozialistischen Herrschaft, insbesondere die der einfachen Arbeiter. Auch wenn zu ihren wichtigsten Vertretern so große Namen wie Andrzej Wajda (mit „Mann aus Marmor“, Premiere 1977) und Krzysztof Kjeslowski („Spokój“, 1976) zählten, war diese Bewegung nur für vier Jahre präsent; hauptsächlich weil sie lediglich die Zustände als katastrophal anprangerte, aber kaum eine darüber hinausreichende, positive Botschaft hatte. Dennoch haben die Filme dieser Zeit das politische Bewusstsein im polnischen Kino aufgebaut und dem polnischen Film zu einer gesellschaftlich relevanten Stimme verholfen.
KRIEG DER WELTEN (1981)
Im Jahre 1976 war Piotr Szulkin gerade ein Jahr lang mit seinem Filmstudium in Lodz fertig und beschäftigte sich die nächsten Jahre über vornehmlich mit Theater und Fernsehspielen. Einer seiner ersten Kinofilme war der 1981 gedrehte „Wojna Swjatów – nastepne stulecie“ (dt.: „Krieg der Welten – Das nächste Jahrhundert“), der mit seiner umfassenden Gesellschaftskritik die Stimme des polnischen Films vertritt, für die das „Kino der moralischen Unzufriedenheit“ den Weg geebnet hatte. Und so spielt der Film in einem englischsprachigen Land, 3 Tage vor Beginn des 21. Jahrhunderts in einer Gesellschaft, die aufgrund der Besetzung ihres Landes durch Marsmenschen vollkommen aus den Fugen geraten ist. Spitzel, skrupellose Beamte und brutale Polizeiaktionen dominieren den Alltag der Menschen.
All we need is love and blood
Die Ankunft der Marsianer und der Titel „Krieg der Welten“ erinnern natürlich an H.G. Welles und tatsächlich ist dieser Film ihm und George Orwell gewidmet. Während der Bezug auf Welles offensichtlich aber wenig umfangreich ist, erschließt sich die Bezugnahme auf Orwell nur insofern, als dass die permanent von der totalitären Gesellschaft ausgehende Gefahr für den Protagonisten ein Thema des Films ist, wie im Nachfolgenden veranschaulicht werden soll.
Die Marsmenschen, deren Ankunft sich lediglich 12 Tage vor Beginn der Filmhandlung ereignete, sind gekommen um das Blut der Erdbewohner zu ernten, und so werden permanent Aufrufe zur freiwilligen Blutspende kundgetan. Wer sich nicht an der freiwilligen Blutspende beteiligt, erhält kein Essen, und wer nichts isst, darf sein Blut nicht spenden. Damit diese rigiden Forderungen jeden Bürger erreichen, bemächtigen sich die außerirdischen Besucher der omnipräsenten Fernsehgeräte und Lautsprecher. Um ihre Forderungen durchzusetzen, werden Belohnungen für jede Denunziation ausgesetzt und der gesamte Polizeiapparat vereinnahmt.
Die Polizei patrouilliert durch die Straßen, stürmt mit Kettensägen bewaffnet Häuser, errichtet Straßensperren zur Registrierung der Bewohner und führt auch auf öffentlichen Plätzen Blutabnahmen durch. Es ist tatsächlich so, dass die Marsmenschen selbst nie in Aktion treten, sondern alle Gewalttätigkeit von denen ausgeht, die sich ihnen unterordnen. Die typische Situation in einem totalitären System eben, in welchem die Mitläufer die größere Gefahr darzustellen scheinen als die tatsächlich Regierenden. Es ist leicht, hier den Schluss zu ziehen, dass Szulkin die Machenschaften im von Russland besetzten Polen abbildete und den Kriegszustand (Dezember 1981 bis Juli 1983) vorhersagte. Szulkin selbst weigert sich aber diese einseitige Interpretation zu akzeptieren. Für ihn persönlich war der Film eher ein Beispiel dafür, wie in solchen Extremsituationen nicht die Eindringlinge unsere größten Feinde sind, sondern eben eigentlich jeder andere Mensch. (vgl. Interview auf der DVD).
Martians Love Law
Szulkins Einstellung ist nicht die eines Misanthropen, der die Menschen grundlos verachtet, sondern die eines Menschen, der die Sehnsucht hat, sich „eines Tages den Luxus erlauben zu können, die Menschen zu lieben“. Darin liegt wohl die Ursache, dass nicht nur dieser Film, sondern auch die anderen beiden in diesem Artikel beschriebenen für ihre Protagonisten so licht und positiv enden.![]()
Die omnipräsenten Fernsehgeräte wurden bereits erwähnt und (entsprechend ist auch) die Belohnung für Denunzianten und freiwillige Blutspender an das Fernsehen gebunden, es sind nämlich Freikarten für eine große Fernseh-Open-Air Gala, „TV-Super-Show“. Und so ist auch der Protagonist eine Fernsehpersönlichkeit, Iron Idem, Moderator der selbsternannten unabhängigen Nachrichten.
Doch schon bei seinem ersten öffentlichen Auftritt wird seine Unabhängigkeit in frage gestellt; nicht nur, weil er eine blonde Langhaarperücke trägt, um seine öffentliche Person klar von der privaten zu trennen, und, um besser einem jugendlichen Schönheitsideal zu entsprechen, sondern auch, weil er seine Sendung durchzieht, auch wenn ihm sein Produzent einen alternativen Moderationstext vorlegt.
Die Marsmenschen, die nach eigener Aussage nur geliebt werden wollen, lassen dann Idems Frau entführen um ihn, die beliebte Fernsehfigur, mit Druck als Sprecher für ihre Ziele zu gewinnen. Von nun an möchte Idem nichts sehnlicher, als endlich seine Frau zurückzubekommen (ein auffällig einfaches Problem, das eigentlich gerade deshalb bis zum Schluss an die Erzählung fesselt) und wird mal mehr, mal weniger widerstrebend zum Spielball der totalitären Mächte und Profiteure. Dabei wird er ständig von seiner Fernsehpersönlichkeit verfolgt, was seinen Höhepunkt damit erreicht, dass er träumt bei einem seine Sendung Zeigenden Fernseher zu beichten, um endlich mit einem richtigen Menschen sprechen zu können. Und als die Marsmenschen dann während der „TV-Super-Show“ die Erde wieder verlassen, ist es auch die öffentliche Person Idems, die dazu missbraucht wird, Idem als Kollaborateur darzustellen.
Reality - We create it
Während der Fernsehgala versucht Idem vor einer möglichst großen Öffentlichkeit seinen Einfluss auszuspielen um das Fernsehen, die Passivität der Bevölkerung und die Bereitschaft eines jeden seinen Nächsten zu verraten, anzuprangern. Kernpunkt seiner Rede ist die Tatsache, dass alle Bewohner des Landes Opfer der Marsmenschen sind, und sich nicht auch noch gegeneinander stellen sollten. Hierzu passt auch der Name Iron Idem selbst, der durchaus Interpretationspotential besitzt. Denn Idem bedeutet „derselbe“, und hier wohl auch „derselbe, wie alle anderen“, denn er ist kein besonderer Mensch, auch er wird Spielball und Opfer der Behörden und Handlanger und dennoch schafft er es sein bisschen Unabhängigkeit zu verteidigen, oder überhaupt erst in seiner Opferposition zu finden.![]()
Szulkins Film ist also ein radikaler, allegorischer Kommentar zu Unterdrückungsmechanismen und dem Freiheitsempfinden des Menschen. Ein Thema, dass auch Orwell in seinem Werk immer wieder beschäftigte (sei es nun "Animal Farm" oder "1984"), womit die eröffnende Widmung ihre Rechtfertigung findet.
Während das Setdesign in diesem Film klar als lediglich umfunktionierte Realität zu erkennen ist, was stellenweise an Godards „Alphaville“ denken lässt, sind Szulkins spätere, groteske Science-Fiction Filme, aufwändiger ausgestattet. Da neben „Wojna Swjatów – nastepne stulecie“ auch „O-Bi, O-Ba“ und „Ga, Ga“ in Polen auf DVD erhältlich sind, sollen diese komplexeren Phantasmagorien auch Thema dieses Artikels werden.
O-BI, O-BA (1985) und GA, GA (1986)
Drei, Bzw. Vier Jahre nach "Krieg der Welten" sind die Erzählungen Szulkins schon mitten im 21. Jahrhundert angekommen. Wie erwähnt ist das Setdesign deutlich aufwändiger und die Filme spielen in eigenen, abgeschlossenen Mikrokosmen.
Besonders offensichtlich ist es in "O-Bi, O-Ba", der nach einem atomaren Weltkrieg in einer Stadt spielt, die von einer riesigen Betonkuppel vor dem atomaren Winter geschützt wird. Als der Krieg beendet war, sind einige selbsternannte Propheten durch das verwüstete Land gezogen und haben die wenigen Überlebenden mit dem Versprechen, in der Kuppelstadt würden sie von einer Arche gerettet werden, in die Stadt gelockt. Diese Propheten sind es nun, welche die Herrschaft über die Stadt besitzen, während das überlebende Proletariat auf einem riesigen Platz vor sich hinvegetiert und auf die Arche wartet. auf diesem Platz werden sie mit Essen versorgt und von Lautsprechern mit der Aussage beschallt, die Arche würde nicht existieren und jeder müsse selbstständig für seine Zukunft sorgen. Mag sie auf den ersten Blick sinnlos sein, so ist es genau diese Verneinung, die den Menschen bestätigt, die Arche sei Wirklichkeit, und damit laut Szulkin das Paradoxe des Sozialismus versinnbildlicht.
Protagonist des Films ist einer dieser ehemaligen Propheten, der nun in der Stadt als eine Art Überredungsspezialist fungiert, zumindest wird er meistens darum gebeten, jemanden von etwas zu überzeugen. Eine seiner Aufgaben ist es dann auch, einen Ingenieur, der am Bau der Kuppelstadt beteiligt gewesen ist, davon zu überzeugen, sich nicht beim Proletariat zu verstecken, sondern mitzuhelfen, die Kuppel vor dem drohenden Einsturz zu retten. Für den Ingenieur ist aber die Aussicht auf die Arche und das Leben in der Gemeinschaft der Wartenden das Einzige, was den Alltag in der düsteren Stadt erträglich macht, und so weigert er sich, die Machthaber zu unterstützen.
Für den namenlosen Protagonisten, gespielt von einem der größten Stars des polnischen Kinos, Jerzy Stuhr ist das der Moment in dem er erkennt, dass das tatsächliche Kommen der Arche die Macht hätte, das Proletariat und den Ingenieur aus der Lethargie des Wartens zu reißen. Den Plan eine eigene Arche zu bauen verwirft er schnell als er erfährt, dass sich in den Tiefen der Stadt ein Hangar samt Flugzeug befindet. Als er dieses endlich findet muss er allerdings feststellen, dass es demontiert worden ist und ein alter Mann das Aluminium der Maschine verwendet um daraus Münzen für das neue Zeitalter der Arche zu stanzen. Hiermit ist auch die letzte Möglichkeit verloren, dem sicheren Tod in der Stadt zu entgehen und wenigstens ein paar der anderen Menschen zu retten. Wenn die Kuppel wenige Momente später einstürzt, stürzen alle aus der Stadt in den atomaren Winter, und als einziger Scheint Jerzy Stuhr zu überleben.
Die heilige Nutte
Ein starkes verbindendes Element der Erzählungen von "O-Bi, O-Ba" und "Ga, Ga" sind die weiblichen Bezugspersonen und zu errettende Traumfrauen der Protagonisten, die in beiden Filmen Prostituierte sind. Setzt in "O-Bi, O-Ba" Jerzy Stuhr alles daran Krystyna Janda davon zu überzeugen mit ihm die Stadt zu verlassen, so ist die von Katarzyna Figura in "Ga, Ga" gespielte Frauenfigur schon fast als Motor der Erzählung zu betrachten.
Um weiterhin den Weltraum erforschen zu können müssen in einer nahen Zukunft dem Beruf des Astronauten, den keiner mehr ausüben will, Insassen eines Weltraumgefängnisses nachgehen. Der erneut namenlose, hier aber von Daniel Olbrychski gespielte Protagonist, landet mit seiner Raumkapsel auf einem bereits von Menschen bewohnten Planeten und wird prompt als ein Held begrüßt. Er wird allerdings nicht mit Feierlichkeiten begrüßt, sondern bekommt eine Hure und ein schmutziges Hotelzimmer zugewiesen. Leider verliert er die Frau recht schnell, da ihre Schicht zu Ende ist, und so wird der Film zuerst von der Suche nach ihr und später vom Versuch mit ihr zu fliehen vorangetrieben. Denn was man hier von einem Helden erwartet, ist nicht das übliche Heldentum, und die Geschenke, die er erhält, deuten das schon an, handelt es sich doch um Waffen, mit denen er ein möglichst grausames, fernsehtaugliches Verbrechen begehen soll. Ein Verbrechen, dass das Volk unterhält und Rechtfertigung sein kann, den Helden öffentlich zu pfählen.
Angesichts dieses Schicksals beschließt der Held deutlich aktiver als die bisherigen Protagonisten in Szulkins Filmen zu handeln und überfällt eine Bank, um seine Geliebte freikaufen zu können. Da ein anderer der auf dem Planeten gelandeten Helden die Bank zur selben Zeit überfällt und alle erschießt, hat das Verbrechen sogar die für die Öffentlichkeit interessante Brutalität. Doch bevor die Pfählung stattfinden kann, treten der Held und seine Prostituierte die Flucht an, so dass der Film mit einem Happy End schließt, dass so bisher keiner der Szulkin'schen Figuren vergönnt war.
Auch wenn beide Filme in sehr kurzen Zeiträumen spielen sind sie, wie es zu den recht simpel strukturierten Erzählungen wohl am besten passt, eher episodenhaft aufgebaut. Oft werden Szenen eingebaut, die die Handlung kaum voranbringen, sondern die allgegenwärtige Untergangsstimmung erfahrbarer machen sollen. Die verbrauchte Ausstattung, die am ehesten mit der von "12 Monkeys" oder "Dernier Combat" zu vergleichen wäre, trägt mit ihren verschmutzten Kachelböden, den bröckelnden Betonwänden und dem rostigen Metall ebenfalls stark zu dieser Atmosphäre bei.
Gerade wegen dieser Episodenhaftigkeit und scheinbarer Einfachheit, die sich selbst vor Genreversatzstücken nicht scheut und der klaren Überzeugung Szulkins, eigentlich erst mit "O-Bi, O-Ba" und "Ga, Ga" Stellung zum Sozialismus zu beziehen, sind diese beiden Ansätze sowohl unterhaltsamer als "Wojna Swjatów" als auch deutlich schwieriger zu durchschauen. Eine tief greifende Analyse der beiden Filme wird noch folgen, hier sollte aber erst einmal ein Überblick über die erhältlichen Werke eines kaum beachteten Filmemachers geboten worden sein.
Die drei DVDs haben englische Untertitel und können z.B. über Merlin.pl bezogen werden:
"Wojna Swjatów"
"O-Bi, O-Ba"
"Ga, Ga"